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www.legasthenie-therapie.de

e-mail:
institut [at] legasthenie-therapie-muenchen.de

„Latein oder Englisch?“

Eine häufig gestellte Frage von Eltern, deren Kinder Probleme beim Erwerb der Schriftsprache im Deutschen haben und jetzt vor der Entscheidung für die erste Fremdsprache stehen. Auch und vor allem dann regelmäßig gestellt, wenn eine Legasthenietherapie den Kindern geholfen hat, die Verschriftungsprobleme in ihrer Muttersprache in den Griff zu bekommen, und wenn dann – beim Erlernen einer Fremdsprache – ebensolche oder noch viel größere Probleme erwartet werden: Probleme, die sich zunächst auf den Schreiberwerb selbst beziehen, die sich aber nicht darauf beschränken lassen, sondern meist das psychische Befinden des Kindes, das familiäre Miteinander, das Agieren im schulischen Bereich und somit den gesamten Werdegang und die psychosoziale Entwicklung des Kindes massiv zu beeinträchtigen drohen.

Latein oder Englisch?

Jeder, der Latein gebüffelt hat, weiß natürlich um die Wichtigkeit dieser sprachlichen Grundausstattung für den Erwerb weiterer – vor allem romanischer – Sprachen. Jeder weiß aber auch um die Wichtigkeit, sich möglichst schnell problemlos, also mündlich wie schriftlich, in der Weltsprache Englisch verständigen zu können.

Latein oder Englisch?

Wie auch immer die Entscheidung gefällt werden mag – ein Argument sollte dabei möglichst keine Rolle spielen, nämlich das Argument: „Mein Kind ist Legastheniker! Das lernt so was Kompliziertes wie Englisch nie!“

Dabei ist zunächst darauf hinzuweisen, dass kein notwendiger Zusammenhang besteht zwischen legasthenen Problemen beim Schreiberwerb der Muttersprache und Problemen beim Schreiberwerb einer Fremdsprache. Kinder, die beim Verschriften des Wortes ruhig mächtig ins Schwimmen und Schwitzen kommen, sehen bei enough eventuell überhaupt kein Problem. Das liegt daran, dass das Verschriften der Muttersprache von den Kindern verlangt, die von ihnen beherrschte Kulturtechnik Sprache, die Einheit von Lautgestalt eines Wortes und seiner Bedeutung, aufzubrechen, von der Bedeutung zu abstrahieren und das gesprochene Wort von einem völlig neuen Blickwinkel aus zu betrachten: Die Klanggestalt will in ihre akustischen Einzelteile zerlegt werden, diese müssen identifiziert und von ähnlich klingenden abgegrenzt werden; die Übersetzung in Schriftzeichen muss gelingen usw. Das fällt vielen Kindern in der Muttersprache schwer. Und bei den gleichen Kindern fällt dann häufig auf, dass bei ihnen das Erlernen einer Fremdsprache, weil dabei Wortbedeutung, Lautgestalt und Zeichengestalt gemeinsam, als Einheit angeeignet werden, keine vergleichbaren Schwierigkeiten aufwirft. Das heißt allerdings nicht, dass es nicht auch den umgekehrten Fall gibt: Dass Kinder, die beim Schreiberwerb der Muttersprache im Normbereich agieren, beim Erlernen des Englischen mit seinen doch wesentlich anderen Phonem-Graphem-Gesetzen massive Probleme bekommen, und zwar weniger beim Erlernen der Aussprache und der Wortbedeutung, sondern vor allem beim Verschriften der gelernten Vokabeln.

Die Verknüpfung zwischen Lautgestalt und Zeichengestalt herzustellen verlangt – egal ob es sich um die Muttersprache oder um eine Fremdsprache handelt – im Wesentlichen folgende kognitiven Leistungen:

  • das Aufspalten des gesprochenen Wortes als Lautkontinuum in seine diskreten Einzellaute

  • die Identifizierung eines Lautes mit Buchstabenwert (Phonem) aus der möglichen Vielzahl seiner Aussprachen

  • die Differenzierung ähnlich klingender Phoneme

  • die Beachtung der Lautsequenz beim Konfigurieren der Buchstabensequenz

  • die Beachtung der Wortmelodik – Ort und Länge/Kürze des Akzentvokals – bei der Anwendung orthographischer Gesetzmäßigkeiten (Z.B. für die Dehnung und Konsonantenverdopplung im Deutschen)

  • die Abhängigkeit der Verschriftung von morphemischen Gesetzmäßigkeiten (typische Präfixe, Suffixe, Fugenlaute, Stämme)

Jeder Schreiberwerb – ob von einem Legastheniker oder Nicht-Legastheniker, ob in der Muttersprache oder in einer Fremdsprache – durchläuft notwendig diese kognitiven Prozesse und resultiert – und hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen einem problematischen und einem problemlosen Aufbau der Schreibkompetenz – in einem Wortbild, das fortan die Verschriftung leitet und kritisch begleitet: Falschschreibungen haben dann darin, in der gewussten „guten Gestalt“ des korrekt verschrifteten Wortes, die Korrekturinstanz. Dieses „Wortbildgedächtnis“, das notwendig ist, so dass nicht bei jedem Schreibakt die oben erwähnten kognitiven Prozesse in voller Bewusstheit durchlaufen werden müssen, wird bei Legasthenikern nicht ausreichend aufgebaut. Das Ensemble der – ansonsten durchaus ausreichenden – schulischen Lehr- und Lerntechniken ist qualitativ, aber auch von den zeitlichen Vorgaben einer Schulstunde her natürlich nicht darauf ausgelegt, diesen Kindern zur Schreibkompetenz zu verhelfen.

Deshalb ist es für Legastheniker unabdingbar, sich einer Legasthenietherapie zu unterziehen (die Phrase „Einmal Legastheniker, immer Legastheniker“ ist nicht nur fatal, sondern auch töricht!), einer Therapie

  • die um die kognitiven Prozesse beim Aufbau der schriftsprachlichen Kompetenz weiß

  • die um die psycholinguistischen Besonderheiten der jeweiligen Sprache weiß

  • die um die spezifischen Gesetzmäßigkeiten (auch um die Ausnahmen) der Verknüpfung von Einzellaut und Zeichen sowie von der Lautgestalt und der Zeichengestalt eines Wortes weiß

  • die die Strategien kennt, mit deren Hilfe sich die Kinder die (falschen) Schreibweisen eines Wortes erschließen

  • die deshalb über ein spezifisches Fehlerdiagnostikum verfügt

  • die schließlich für die Bearbeitung der einzelnen Fehlertypen über das jeweils geeignete, d.h. möglichst auf diesen speziellen Fehlertyp fokussierendes, Therapiematerial verfügt.

Jede Legasthenietherapie, will sie effektv sein, muss diesen Kriterien genügen. Was dies für eine Legasthenietherapie für die Fremdsprache Englisch bedeutet, soll im Folgenden kurz dargestellt werden.

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